Reformation radikal

 

Drei Thesen

1.
Dorothee Sölle forderte in ihrem Vortrag zum Reformationstag 1968 eine "neue Reformation", weil das reformatorische Anliegen in der evangelischen Kirche in Deutschland nicht mehr erkennbar sei. Wie damals wären die Menschen gern fromm, fänden dafür aber in den Kirchen keine adäquate Ausdrucksmöglichkeit, weil diese sich von ihrer Lebenswirklichkeit, ihrer Kultur und Sprache, der sozialen und politischen Realität, in der sie leben, entfremdet hätten. Sie knüpft an Martin Luther an, wenn sie eine Erneuerung der Sprache, eine Rückbesinnung auf die befreiende Inhalte des Evangeliums in der Verkündigung der Kirche fordert.

2.
Dorothee Sölle geht über Luther und vor allem die lutherische Tradition hinaus, wenn sie den Protestcharakter des Evangeliums betont, die Parteinahme für die Armen und Entrechteten. Indem sie die Umsetzung der biblischen Befreiungs- und Gerechtigkeitstraditionen in politisches Handeln fordert, schreibt sie die Tradition des radikalen Flügels der Reformation fort. Sie bezieht sich ausdrücklich auf Thomas Müntzer und die sozial revolutionären Bewegungen der Reformationszeit und grenzt sich damit von Luthers Zwei- Regimenten - Lehre ab.

3.
Dorothee Sölle kritisiert, dass die Kirche nur "sich selbst ausspricht", nicht "Kirche für andere" ist. Mit diesem Gedanken knüpft sie bewusst an Dietrich Bonhoeffer an. Seine Gedanken zu einem weltlich gelebten Christentum, das eine neuen Sprache für das alte Evangelium finden wird, werden von Sölle aufgenommen und umgesetzt: "Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen" - Bonhoeffers Hoffnung, dass alles Reden der Kirche " neu geboren werden muss aus diesem Beten und diesem Tun" wird von Sölle aufgenommen in der befreiungstheologischen Verbindung von Orthopraxie und Orthodoxie und der Verbindung von Mystik und Widerstand.

Renate Wind

Dieser Text entstand für die Veranstaltung "Radicalizing Reformation". Für mehr Infos hier klicken.